1972

• 1968. Meine Familie, Vater, Mutter Bruder und ich, zieht nach Prag, Tschechoslowakei um. Mein Vater tritt in den diplomatischen Dienst bei der Eisenbahnorganisation des Ostblocks.

• 1972. Mein Bruder Stylian kehrt von Prag nach Bulgarien zurück. Er darf seine Ausbildung nicht mehr fortsetzen. Die kommunistischen Ordnungsdienste versuchen ihn «umzuerziehen». Unter starkem psychischen Druck und physischer Gewalt begeht er am 31 Dezember 1972 Selbstmord.

Aus dem Artikel «An der stillen Front ist es nicht ruhig»

Autor: N. Zajakov

Zeitung Komsomol Funke, Plovdiv, 13. Januar 1973

19. Dezember, 10 Minuten nach 5 Uhr morgens

Von der anderen Seite des Raums kommt dein Kollege. Du hebst maschinell die Hand zum Gruß. „Na, herzlichen Glückwunsch!“ antwortet er. Herzlichen Glückwunsch. Diese Worte bedeuten nichts Gutes so früh am Morgen… Die Entlastung ist zu Ende. Du brauchst nicht zu fragen, es ist auch so klar, dass etwas Schlimmes passiert ist.

Das Jagdgeschäft wurde demoliert. Grob. Brutal. In den Protokollen heißt das „Einbruchdiebstahl“. Zwei Gewehre wurden gestohlen. Die Schubladen, waren nicht abgeschlossen, doch das Geld ist nicht angerührt. Am Geschäft befindet sich schon eine Arbeitsgruppe von der Polizeidirektion. Auch der stellvertretende Chef ist dort. Es ist doch nicht etwa leicht, so ein gut gesichertes Geschäft zu demolieren?

Ihre Version, Genosse Subaschki?

Versionen gibt es viele, aber die Zeit ist knapp. Mit zwei Gewehren kann man viel Unheil anrichten. Ein junger Mann? Möglich. Die Älteren gehen nicht mehr so sicher vor. Sie sind erschöpft. Ziehen sich in ihr Schneckenhaus zurück. Das Leben ist vorbei, und sie möchten doch noch etwas leben. Still und ruhig, als ob nie etwas gewesen wäre. Gut. Aber wer ist dieser junge Mann? Dass er kein Profi ist, zeigen die Spuren, die er völlig achtlos hinterlassen hat, fast als wäre es Absicht. Man könnte meinen, dass er sich beeilt hat und in der Eile das Wichtigste vergessen hat, nämlich seinen Namen zu schreiben. Vielleicht nur, um der Polizei Arbeit zu schaffen?

Blödsinn. Das ist ein Verbrechen, das nicht oft vorkommt. .. Nicht so oft wie, sagen wir, Autodiebstähle.

Zwei Jagdgewehre. Der Kriminalpolizist stellt sie sich sofort geladen vor. Wem gehört der Finger, der den Abzug drücken wird?

30. Dezember, 13 Uhr

Der Diebstahl im Jagdgeschäft ist aufgedeckt. Für den Kriminalpolizisten Vasil Subaschki hat es 12 schlaflose Nächte gegeben. Weil die Kriminalpolizisten manchmal allein sind. Violeta, eine der Freundinnen, wird sich rechtfertigen: „Wenn ich gewusst hätte, dass Stilyan das Gewehr wirklich für so etwas benutzt, wäre ich sofort zu seinem Vater gegangen und hätte es ihm gesagt, weil in ihrem Zimmer noch Licht war.“

Alles ist Vergangenheit. Das wärmt den Kriminalpolizisten nicht. Denn außer Violeta und Anita gibt es noch Daniela, Trendafilka, Skarlet, Tanja, Lili, Nedjalko und Teodor. Keiner von ihnen hatte sich in den letzten Tagen Gedanken gemacht über Stilyans Verhalten. Nicht einmal seine Eltern.

Du machst dich auf den Rückweg. Langsam. Nach Hause. Du bist müde. Ein junger Mensch ist von uns gegangen, die Beweise sind erbracht und ausführlich beschrieben. Aber du, der Kommunist mit so einem schweren Beruf, du willst dich nicht mit dem Verlust eines Menschen abfinden.

Wenn die Eltern richtige Eltern gewesen wären, wenn die Freunde richtige Freunde gewesen wären, wäre das nicht geschehen. Der Mensch kann gerettet werden, wenn alle um ihn kämpfen.


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